Interview: Kredite, die Mut machen

Ein Hamburger Verein unterstützt Frauen in Sri Lanka und wurde nun dafür ausgezeichnet.

Mit Mikrokrediten hilft der Hamburger Sri-Lanka-Verein Frauen in dem Inselstaat. Dank der Starthilfe werden sie zu erfolgreichen Unternehmerinnen. Das Engagement des Vereins hat die Nordkirche jetzt belohnt.

Von Timo Teggatz
Hamburg. Eigentlich hatten sie sich nur auf einen schönen Abend gefreut. Zweimal hatte der Hamburger Sri-Lanka-Verein sich nämlich schon um den Eine-Welt-Preis der Nordkirche beworben, zweimal hatte es nicht geklappt. Und auch in diesem Jahr hatte die Vorsitzende Inga Bethke-Brenken kein gutes Gefühl. Als die Konkurrenten ihre Projekte vorstellten, sagte sie zu ihren Mitstreitern: „Da sind tolle Sachen dabei, das wird schwierig für uns.“ Doch im dritten Anlauf hat der Verein den ersten Platz beim Eine-Welt-Preis geholt. Zur Belohnung gab es die obligatorische Giraffe und 3.000 Euro.

Das Geld kann der Verein gut gebrauchen. Denn die Mitglieder unterstützen mit Kleinstkrediten Frauen in dem Inselstaat, die mit dem Geld als Starthilfe ihre Geschäftsideen umsetzen können. Etwa 380 Kredite hat der Verein in den vergangenen zwölf Jahren bereits vergeben, immer zwischen 100 und 150 Euro. Durch die Vergabe eines Kredits werde das unternehmerische Denken der Frauen gefördert, sagt Inga Bethke-Brenken, die Vorsitzende des Vereins. Und durch das Erlernen eines Berufs werde das Bildungsniveau angehoben.

Mit den Krediten können die Frauen unterschiedliche Ideen realisieren. Viele hätten eine Produktion für Plastikblumen gegründet, die in Hotels und Restaurants sehr beliebt seien, erzählt Inga Bethke-Brenken. „Nach unseren Maßstäben vielleicht nicht besonders hübsch, aber in Sri Lanka der Renner“, so die 73-Jährige. Andere Frauen hätten sich auf die Herstellung von Sandalen, Tüchern in Batik-Technik oder auf das Schneidern von Brautkleidern spezialisiert, die in Sri Lanka sehr schmuckvoll ausfallen. Weitere Frauen verschreiben sich dem Anbau von Obst.

95 Prozent der Kredite
werden zurückgezahlt

In den meisten Fällen, so Inga Bethke-Brenken, laufen die Geschäfte der Frauen nach der Anschubfinanzierung gut. Nur manchmal klappt ein Projekt nicht, so wie eine Pilzzucht in einem Jahr mit zu viel Regen. Etwa 95 Prozent der Kredite würden zurückgezahlt, sagt die Vereinsvorsitzende. Und zwar nicht an den Hamburger Verein, sondern an die Creative Women Foundation, eine Stiftung, die in Sri Lanka die Schulung der Jung-Unternehmerinnen übernimmt. Wer einen Kredit bekommt, muss dort zunächst einen Kurs in Betriebswirtschaftslehre belegen.

Der Verein hat sich Frauen als Kreditnehmerinnen ausgesucht, weil sie die Familie ernähren und zuverlässiger als Männer seien. Wer letztlich gefördert wird, entscheidet der Verein zusammen mit Kontaktleuten vor Ort. Entstanden ist der Verein nach dem Tsunami Weihnachten 2004. Inga Bethke-Brenkens Sohn war nur zwei Tage zuvor von einer Reise aus Sri Lanka zurückgekehrt. Die Familie beschloss spontan zu helfen. Doch die Initiative „Hamburg hilft“ ließ wissen, dass man nur mit Vereinen kooperieren könne. So entstand im Eilverfahren der Hamburger Sri-Lanka-Verein. Später kam die Vergabe von Kleinstkrediten dazu, nachdem der Wirtschaftswissenschaftler Muhammad Yunus aus Bangladesch dafür 2006 den Friedensnobelpreis erhalten hatte.

Nicht nur mit Krediten hilft der Verein. So wurde er nach den Terroranschlägen am Ostersonntag des vergangenen Jahres mit Spenden geradezu überschüttet, wie Inga Bethke-Brenken sagt. Das Geld gaben die Hamburger in Absprache mit ihren Kontaktleuten in dem Inselstaat an Familien weiter, die von den Anschlägen betroffen waren.


Quelle: Kirchenzeitung vor Ort in Hamburg

Reminiszere | Nr. 10 | 96. Jahrgang | 8. März 2020
www.evangelische-zeitung.de

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Auf die Herstellung von Tüchern in Batik-Technik hat sich Darshana mit ihrer Familie spezialisiert. Foto: © Privat